finanzielle Bildung Mindset

Wie kann es sein, dass wir Geldsorgen haben?

Die meisten von euch würden 2-years.com als Finanzblog bezeichnen. Und auch wenn ich selbst viel mehr der Meinung bin, es sei ein Lifestyleblog (siehe dazu einen meiner früheren Beiträge), sind wir uns sicher alle einig, dass der Blog eines nicht ist: Philosophisch. Und dennoch beschäftigt mich in letzter Zeit eine eher philosophische Frage. Wie kann es sein, dass jemand hier in Österreich (das Land steht stellvertretend für viele Industriestaaten) Geldsorgen hat?

Was wir alles haben

Über 95 % der Menschen in unseren Breiten haben ein Dach über dem Kopf und können regelmäßige Mahlzeiten zu sich nehmen. Ich gebe zu, dass es nicht jeder immer gleich leicht hat und es steht natürlich nicht jedem Menschen gleich viel Geld zur Verfügung. Aber wer ein Zuhause hat und sich Lebensmittel kaufen kann, hat doch schon mal alles, was man zum Überleben braucht, oder? Und natürlich gibt es die eine oder andere Ausnahmesituation, in der einem das Schicksal übel mitspielt. Auch wenn wir alle unsere Päckchen zu tragen haben, so gibt es doch Menschen, die es weniger leicht haben. Diese Ausnahmen übersehe ich natürlich nicht. Aber das ist nicht die Mehrheit der Leute, von denen ich jetzt reden möchte.

Warum sind dann so viele Menschen verschuldet?

Natürlich können uns Schicksalsschläge auch unterschiedlich hart treffen und es ist Charaktersache, wie man damit umgeht und wie man wieder rausfindet. In einer idealen Welt wären wir alle zumindest finanziell abgesichert gegen das Gröbste. Aber das ist selten der Fall. Die wenigsten Menschen planen für Notfälle. Doch ich will hier nicht auf die Tatsache raus, dass Menschen mit Unverfügbarkeiten unterschiedlich umgehen und ich will die Menschheit auch nicht in „stark“ und „schwach“ unterteilen, denn das wäre viel zu einfach. Und, liebe Leute, wie jemand geboren wurde, mag vielleicht vorgeben, wie leicht oder schwierig der Weg ist, den jemand zu gehen hat. Es ist aber – und das wird uns sehr häufig bewiesen – keine Vorbestimmung, ob ich reich oder arm werde. Selbes gilt für die Schulbildung und sogar für den Job. All das sind Faktoren, die finanziellen Reichtum fördern können, aber nicht vorherbestimmen.

Hoher Verdienst, noch größere Geldsorgen

Ich kenne einen ganzen Haufen Leute, die monatlich jede Menge Kohle verdienen und es dennoch schaffen, hoch verschuldet zu sein. Wie geht das? Es dürfte recht einfach sein, sonst wäre es ja nicht so. Und ich spreche jetzt nicht von Schulden zum Aufbau eines Unternehmens. Ich rede von Konsumschulden. Wenn jemand ein Dach über dem Kopf und genug zu essen für sich und seine Familie hat, wie kommt es dann, dass sie/er dennoch mehr braucht als sie/er verdient? Denn nichts anderes sind Schulden ja. Die Ausgabe von Geld, das man nicht hat. Vom Vermögensaufbau braucht man gar nicht zu sprechen. Lassen wir das außen vor, denn vielleicht findet das nicht jede*r gleich wichtig wie ich.

Geldsorgen bekommt man ganz einfach. Damit zu leben wiederum ist sehr schwierig.
Ja, Geldsorgen zu bekommen, ist wirklich sehr einfach. Schwierig ist dann, mit ihnen zu leben.

Ein Blick in die eigene Vergangenheit

Ich war früher eine von denen, die ganz gern mal – wenn auch nur in sehr kleinen Beträgen – mehr ausgegeben hat, als sie verdient hat. Mal hab ich mir schon einen Vorschuss auf das Urlaubsgeld gegönnt, das sowieso im Monat darauf reinkommt. Mal habe ich einfach übersehen, dass das Konto eigentlich schon bei 0 stand. Vielleicht finde ich die Antwort auf die Frage, wie das sein kann, ja bei mir selbst. Wenn ich doch auch gut 30 Jahre gebraucht habe, um meinen Umgang mit Geld zu überdenken.

Hatte ich alles, was ich brauchte?

Schon diese Frage lässt sich gar nicht so leicht beantworten. Wenn man davon ausgeht, dass Wohnen, Essen und Sicherheit die Grundbedürfnisse sind, die gestillt werden müssen, dann ja. Aber offensichtlich hatte ich das Gefühl, noch andere Dinge zu brauchen. Sonst wäre es ja nicht dazu gekommen, Geld dafür auszugeben. Welches Bedürfnis dahinter stand? Vielleicht Anerkennung? Soll ja oft ein gewisser Bedarf gegeben sein. Oder vielleicht Zugehörigkeit? Kann auch sein – gerade in jungen Jahren. Aber so wirklich ausmachen, kann ich es bis heute nicht.

Woher kommt dann der falsche Umgang mit Geld?

Ich denke, es gibt mehrere Gründe dafür, dass Menschen mehr ausgeben, als sie haben. Und meist spielen auch alle zusammen. Diese drei Hauptursachen kann man bestimmt noch weiter unterteilen, aber grob geht es meiner Meinung nach darum:

  • Viele verdienen daran, dass wir unser Geld ausgeben
    Ja, richtig. Wir machen andere reich, wenn wir Geld für Konsum ausgeben. Deswegen beginnt das Brainwashing schon in ganz jungen Jahren. Da sind wir ja am leichtesten zu formen. Denkt jetzt nicht nur an den Produzenten und Händler des Konsumgutes, das ihr euch für Geld kauft, das ihr gar nicht habt. Überlegt euch bitte auch, warum es eigentlich so einfach ist, das Konto zu überziehen und Kreditkarten zu bekommen. Ja, die verdienen auch mit. Und wenn man schön sein Geld immer ausgibt, muss man auch Monat für Monat im Hamsterrad weiterstrampeln. Das macht uns zu günstigen Arbeitskräften. Ob wir dann Geldsorgen haben oder nicht, ist wurscht. Wenn wir glücklicher sind, hat niemand was davon.
  • Kaum jemand weiß, wie es wirklich geht
    Haben eure Eltern euch einen vernünftigen Umgang mit Geld beigebracht? Mir meine nicht. Hattet ihr finanzielle Bildung in der Schule? Nö, oder? Vielleicht dann im Studium? Auch nicht. Ich will jetzt nicht so weit gehen, zu sagen, das ist alles eine böse Verschwörung. Aber so ein rechtes Interesse hat aus oben genannten Gründen auch niemand, uns einen klugen Umgang mit Geld zu vermitteln. Die Eltern vielleicht, aber die sind leider Opfer desselben Systems wie wir alle.
  • Wir selbst sind zu träge, es uns beizubringen
    Häufig wissen wir sogar, dass das, was wir tun, nicht sonderlich klug ist. Oft auch nicht, das gebe ich zu. Aber diejenigen, die mit einem gewissen Hausverstand gesegnet sind, können sich denken, dass es keine gute Idee ist, mehr auszugeben, als man einnimmt. Und hin und wieder klingt auch durch, dass man „jetzt wirklich einmal ein bisschen sparen sollte“ – bis das neue iphone rauskommt. Dann war’s das wieder mit den guten Vorsätzen. Dabei sind all die Informationen, die man braucht, all die Bildung, die notwendig ist, um seine Geldangelegenheiten zu regeln, jederzeit verfügbar. Das meiste sogar gratis oder für ganz kleines Geld. Ob es ein Mindset-Problem ist, ob man Sparmethoden lernen möchte oder ob man ein Vermögen aufbauen will. Alles ist da. Aber man würde vielleicht den einen oder anderen Netflix-Abend ausfallen lassen müssen, um das Thema „Geld“ zu begreifen. Und das ist für die meisten schon zu viel.

Über Unbequemlichkeiten

Den letzten Punkt, den ich für den wichtigsten halte, also die eigene Bequemlichkeit, will ich hier noch einmal auseinandernehmen. Denn der kommt mir immer wieder unter. Der ist schuld, dass viele Menschen Übergewicht haben, er ist schuld an den Geldsorgen vieler Leute und er ist schuld daran, dass man ewig im Hamsterrad herumstrampelt. Ich kenne das durchaus auch. Den Schweinehund habe ich auch in mir. Wie jede*r. Dabei muss ich ehrlich sagen, dass ich ihn nicht verstehe, denn es ist eigentlich viel gemütlicher, sich für die paar notwendigen Dinge aufzuraffen, als mit den Folgen der Bequemlichkeit zu leben.

Geldsorgen sind ungemütlich genauso wie Übergewicht. Aber nicht genug, um etwas dagegen zu tun.
Es ist nichts bequem daran, schlechte Geldangewohnheiten zu haben. Genauso wenig ist es gemütlich, übergewichtig zu sein. Und dennoch bevorzugen wir es.

Übergewicht ist dasselbe wie Geldsorgen

Um hier ein anderes Beispiel zu bringen, das man genauso auf die Finanzen umlegen kann, möchte ich mal das Thema Übergewicht in seine unbequemen Bestandteile zerlegen. Übergewichtig zu sein, ist nämlich gar nicht lustig. Ich bin selbst noch nie davon betroffen gewesen, aber ich war auch schon das, was man landläufig wohl als „stärker“ bezeichnet. Wieder gilt: Es gibt auch Leute, die durch nicht kontrollierbare Einflüsse übergewichtig werden. Krankheit kann dazu führen und viele Menschen haben auch eine schwierigere psychische Ausgangssituation als andere. Die meine ich nicht. Ich rede von den anderen 95 % der Betroffenen, bei denen die Ursachen nicht so schicksalslastig sind. Als ich noch angestellt war, hatte ich keine Zeit für Sport (ist das so?). Außerdem hatte ich eine blöde Angewohnheit, nämlich abends vorm TV zu naschen. So als Belohnung für den Tag quasi. Und das Resultat war: Rückenschmerzen, schlechte Ausdauer, keine Kraft und ständige Müdigkeit. Und ZWAR DAUERHAFT. Wie geht es dann wohl Menschen, die tatsächlich übergewichtig sind, frage ich mich. Und noch etwas nimmt mich wunder: Sich 24 Stunden am Tag unwohl in der eigenen Haut zu fühlen (was übrigens auch ich getan habe, obwohl ich eben „nur“ stärker war), unsportlich zu sein und Schmerzen zu haben, ist bequemer, als eine Stunde Sport zu machen? Das muss mir jetzt jemand erklären, bitte! Beides ist anstrengend, ja. Man muss sich sein „Anstrengend“ eben aussuchen.

Und Geldprobleme sind umgekehrt wie Übergewicht

So und jetzt lenken wir das zurück auf das Thema Geld. Mit Schulden zu leben, ständig Zinsen für den Kontokorrentkredit zu zahlen und ein absolutes Werbeopfer zu sein, ist doch auch alles andere als bequem. Geldsorgen sind ganz schlimm und bereiten schlaflose Nächte, Impulskäufe ärgern uns und die schnelle Geldauftreiberei, wenn die Waschmaschine kaputtgeht, ist alles andere als gemütlich. Und wie beim Übergewicht sind das auch andauernde Bürden, die man mit sich trägt. Wieso wählen wir dann dieses „Hart“, anstatt uns für die Härte der finanziellen Bildung zu entscheiden? Wieder: Vielleicht ist es nicht ganz einfach, sich mit ungeliebten Geldthemen auseinanderzusetzen. Vielleicht erfordert es ein bisschen Gehirnschmalz. Aber härter finde ich ein Leben ohne solches Wissen.

Geldsorgen bereiten schlaflose Nächte
Ich habe noch nie gehört, dass jemand eine schlaflose Nacht hatte, weil er sich finanzielles Wissen angeeignet hat. Bei Schulden habe ich schon öfters davon gehört.

Kommen wir einmal auf mich zurück

Wenn wir jetzt die Problematik der finanziellen Unwissenheit und die Folgen von Übergewicht irgendwie auf denselben Nenner bringen wollen, dann können wir das doch direkt anhand meiner Geschichte machen. Wie gesagt, war ich in beiden Bereichen noch einigermaßen im vertretbaren Bereich. Aber doch – ich hatte weder meine Finanzen noch meinen Körper im Griff. Und das ziemlich lange oder sagen wir immer wieder mal.

Warum war auch ich so bequem?

Aber warum habe ich mich doch recht lange mit dieser Art von „hart“ zufrieden gegeben? Warum habe ich mich nicht gebildet und warum habe ich nicht gesportelt? Die Antwort muss wohl lauten: Es hat nicht in mein Leben gepasst. Beides nicht. Ich hatte einfach keine Platz für die richtigen und wichtigen Angelegenheiten. Und ich wusste gar nicht, dass es auf Dauer viel einfacher ist, den Schweinehund zu besiegen, als mit den Folgen zu leben, wenn man es nicht tut. Das ist mir erst jetzt bewusst, wo ich keine Rückenschmerzen und keine Geldsorgen mehr habe. Dass eine Stunde Sport am Tag nichts ist verglichen mit 24 Stunden Rückenschmerzen. Dass es viel einfacher ist, einen Notgroschen aufzubauen als auf die Schnelle Geld aus dem Arsch ziehen zu müssen. Dass es sich viel besser schläft ohne zu hohen Blutzuckerspiegel und zu niedrigen Finanzpuffer.

Quintessenz

Gut, dass wir alle von Haus aus Opfer sind, ist klar. Kaum jemand hat ein Interesse daran, dass wir finanziell frei werden. Und das ist hart. Noch härter ist jedoch, wenn wir einfach in dieser Opferrolle bleiben. Das müssen wir gar nicht. Sich daraus zu befreien, braucht ein wenig Energie, aber sicher nicht soviel wie ein Leben lang im Hamsterrad zu strampeln. Das ist viel anstrengender. Wir müssen durchaus ein bisschen was leisten, um unsere Finanzen in den Griff zu bekommen. Doch das ist nichts im Vergleich dazu, was es uns abverlangt, wenn wir uns nicht bilden und mit Geldsorgen leben – und zwar jeden einzelnen Tag unseres Lebens.

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